Wer nun nach dem Turmaufstieg wieder unten in der Kirche angelangt ist, geht vielleicht noch kurz Richtung Altar, um die „Tempelwand“ aus der Nähe zu betrachten und auch, um den Blick einmal zurück zu wenden, in die Höhe zur Orgel auf der zweiten Empore. Sofort fällt auf, daß das Gehäuse der Orgel mit dem flachen Giebel der Altarwand nachempfunden ist und ihr Äußeres widerspiegelt. Die Säulen fehlen zwar – dafür wäre wohl zu wenig Platz auf der hochgelegenen Empore unter dem Kirchendach. Aber das Dach des Gehäuses genügt, um die Ähnlichkeit augenfällig zu machen.

...........zur Romantik, Kirche und Orgel in Elze

Weithin ist der große Turm der Peter und Paul-Kirche Elze in der Landschaft sichtbar, - einen weiten Ausblick hat man von ihm in die Umgebung Wer den Turm besteigt, kommt zwangsläufig auf der zweiten Empore an der Orgel vorbei, denn erst hinter der Orgel findet man die Tür zum Turmaufgang.
Wer kurz verweilt und vor dem Ausblick vom Turm den Blick in das helle Kirchenschiff schweifen läßt, dem wird die Größe der Kirche richtig klar.

Von hier oben sieht man die Emporen entlang der Seitenwände und man sieht als Gegenüber die Kanzel, die in die große Säulenwand hinter dem Altar eingebaut ist.

Diese korinthische Säulenwand  ein typisch preus-sischer Kanzelaltar  ist aus heutiger Sicht vielleicht schon auf Grund ihrer Größe gewöh-nungsbedürftig, sie ist aber als Blickfang der Innenraumgestaltung der Kirche zugleich das bestimmende klassizistische Element der Peter und Paul-Kirche überhaupt.

Sie spiegelt die Antikenbegeisterung der Zeit wieder, die natürlich nicht zuletzt in der Architektur ihren Niederschlag findet. Es gibt viele weitere Beispiele für diesen Stil auch in Kirchen der Region.

Foto: A.Tönnies

Das 19. Jahrhundert begeisterte sich für die griech-ische und römische Antike. Bis ins Kaiserreich hinein schlägt sich das in Bauten und in der Kunst nieder. Am besten zu erkennendes Merkmal sind die typischen „griechischen“ Säulen, die Remini-szenzen an die antike (Tempel- und Theater-) Bau-kunst. So sieht auch die Elzer Altarwand mit ihren Säulen und Dächern wie eine Tempelfront aus.

Diese direkte Bezugnahme der Kirche auf ein wohl außerchristliches Erscheinungsbild antiker Kultur ist durchaus etwas Besonderes. Womöglich galt für den Bau nicht, was für die Musik galt: diese hatte möglichst schlicht zu sein, um nicht von der Liturgie, der Feier des Gottesdienstes abzulenken.


Der Bau hingegen stellt die Größe Gottes dar, verherrlicht sie oder vergleicht sich gar mit ihr (obgleich zu bedenken ist, daß dieser Baustil auf den wesentlich üppigeren des Barock folgt, also natürlich auch hier in der Gestaltung eine gewisse Reduktion zu vermerken ist).

 

Auch kirchenmusikalisch war das 19. Jahr-hundert gewissermaßen vom historischen Interesse geprägt. Da ist zunächst einmal der Beginn der Bach- und Händelrenaissance zu nennen, deren wichtigster Initiator Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) ist.


Er entdeckte nicht nur deren Werke für das Konzertleben neu, sondern studierte auch als Komponist den Stil der Barockmusik ganz genau. Er hat ihn selbst verwendet und ihn weiter-entwickelt und zu einer für das weitere
19. Jahrhundert wichtigen Musiksprache geführt.


Die kirchenmusikalischen Restaurationsbewe-gungen der Zeit gehen noch weiter und berufen sich auf die Gregorianik und das Ideal des sogenannten „Palestrina-Stils“
(reiner a capella-Gesang nach den strengen Regeln des Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina, um 1515-1594).


Hier steht die Kirchenmusik an einem Scheide-weg und ihre Bedeutung läßt nach, weil sie sich  bereits zur Zeit der Wiener Klassik  den stilistischen Neuerungen verschloss bzw. sie nicht für den Kirchenstil adaptieren wollte und ihren eigenen Weg ging.

Der Orgelbau schließlich befindet sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts an der Schwelle vom barocken Baustil und Klangideal zum romantischen. Der Vergleich einer typischen Barockdisposition mittlerer Größe mit der einer romantischen Orgel zeigt deutlich die Unterschiede.

Ein Beitrag von Christian Windhorst

Foto: A.Tönnies

Werk einer Barockorgel

Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Gambe 8'
Oktave 4'
Gemshorn 4'
Nasat 2 2/3'
Oktave 2'
Terz 1 3/5
Mixtur 3-5fach

Werk einer romantischen Orgel

Geigenprinzipal 8'
Hohlflöte 8'
Kleine Flöte 8'
Violon 8'
Gedackt 8'
Prinzipal 4'
Fugara 4'
Oktave 2'
Kornett 3fach

Betrachtet man die Disposition der Elzer Orgel von Conrad Euler, wie sie ursprünglich war,

Bordun 16'
Principal 8'
Hohlflöte 8'
Oktave 4'
Gedackt 4'
Quinte 3'
Oktave 2'
Mixtur 3-4fach
Trompete 8’

Geigenprincipal 8'
Gemshorn 8'
Dolce 8'
Gedackt 8'
Quintatön 8'
Flöte 4'
Flageolett 2'
Vox humana 8’

Subbass 16'
Prinzipalbass 8'
Viola 8'
Oktave 4'
Posaune 16'
Trompete 8’

Hauptwerk  (9)           II Manual (8)                Pedal (6)

 wird deutlich, dass einem kräftigen Hauptwerk mit typisch barocker Klanggestalt ein kleineres Nebenwerk (II. Manual) mit immerhin schon drei 8fuß Stimmen und der Besonderheit einer Vox humana entgegengestellt wurde ohne Mixturen oder Aliquoten.

Foto: A.Tönnies

Kaum mehr als 20 Jahre nach dem Orgelneubau fügte Philipp Furtwängler (Elzer Orgelbauer und Mitglied des Kirchen-vorstandes) allerdings diesem Nebenwerk noch zwei Register in 8fuß Lage hinzu: Geigenprinzipal und Flöte dolce.

Das heute in dieser Form wieder neu erklingende Nebenwerk wurde durch diese Maßnahme ein wirklich romantisches.

Den Vergleich, den wir zwischen zwei verschiedenen Orgeltypen angestellt haben, kann man also auch direkt in der Elzer Orgel nachvollziehen, deren Hauptwerk barocker Art ist, deren Nebenwerk aber das romantische Klangideal mit vielen 8füßigen Stimmen verwirklicht.

Man könnte auch sagen: einem „klassizistischen“ Hauptwerk steht ein romantisches (damals modernes) Nebenwerk gegenüber.

Die Hauptaufgabe der Orgel war die Musik im Gottesdienst, so wie es auch heute noch ist.
 
Auch im 21. Jahrhundert darf die Orgel wohl immer noch als Rückgrat der gottesdienstlichen Kirchenmusik bezeichnet werden und muss dies sogar: Gerade in Deutschland sind die Kirchen heute Standort einer Orgellandschaft, die reiches kulturelles Zeugnis ablegt und ein Erbe darstellt, das fast 500 Jahre Musikgeschichte umfaßt. 

Dennoch ist es immer wieder spannend, über die Zusammenhänge nachzudenken, und an dieser Stelle soll wenigstens ein kurzer Versuch unternommen werden, das zu tun, bevor die Überlegungen auf die Orgel übertragen werden. Doch zunächst: Wer den Weg auf den Turm fortsetzt, kommt als erstes hinter der Orgel an dem alten  Balghaus  vorbei, in dessen Holzwänden sich Generationen von Kalkanten (Bälgetretern) verewigt haben. Mancher Leser wird sich daran erinnern…