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       Sexagesimae - Sechzig Tage




Finden Sie Talkshows eigentlich auch so unergiebig wie ich, liebe Gemeinde?

Das geht schon mit der Zusammensetzung der Talk-Runden los: Natürlich werden immer sowohl Gegner als auch Befürworter eingeladen. Vertreter der Parteien, Journalisten, Lobbyisten, Gewerkschaftler oder Kirchenleute – je nach Thema. Das wird dann von allen Seiten beleuchtet, Alle kommen zu Wort  (wenn es gut geht, mitunter sogar einzeln und nicht alle auf ein Mal), und am Ende? …

 ist man genauso schlau wie zuvor.
 

Die Show

Für jede dieser Positionen gibt es reichlich Argumente (oft auch gute). Und jeder hat triftige Gründe, warum er die jeweilige Position vertritt, auch wenn die wahren Gründe und Hintergründe zumeist gerne im Dunkeln gelassen werden. Und wir? Wir hören uns das alles an. Am Ende sind wir gut informiert … aber ratlos.  Wer hat denn nun recht? Hat nicht jede Position irgendwie ihre Berechtigung?
Und sind nicht alle Argumente
irgendwo plausibel?
 


Um diese Fragen zu beantworten bräuchte
man eine Art Koordinatensystem – genauer gesagt
ein inneres Wertesystem, das jedem Argument seinen
Wert und sein Gewicht verleiht. Wo ein solches Instrument
der Unterscheidung fehlt, kommt jeder Position die gleiche
Gültigkeit zu. Wenn aber alles in gleicher Weise gültig ist, dann
braucht es nur noch ein kleiner Schritt, bis alles gleichgültig wird.


Das umschreibt nach meinem Eindruck ziemlich präzise die gegenwärtige
Seelenlage unserer Gesellschaft. Beliebigkeit ist angesagt. Standpunkte und
Positionen wechseln mit der Windrichtung der Meinungsumfragen. Habe ich gestern
noch für eine Steuerreform gestimmt, wende ich mich heute dagegen, Hauptsache die Wahl in NRW geht nicht verloren.

Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing.

   Wo hört der Spaß auf und ab wann wird jemand der Lächerlichkeit preis gegeben?
   Wo endet  Freizügigkeit und die Schamlosigkeit beginnt?
   Was ist noch durch den Begriff der Kunst abgedeckt und wo beginnt der Schund?
 
Über all diese Fragen lässt sich in unserer Gesellschaft kein Konsens mehr herstellen. Jeder hat dazu seine eigene Meinung und alle Meinungen sind gleich gültig.


Längst schlagen all diejenigen Alarm, die an der Front der Bildungsarbeit Dienst tun, in Kindergärten und Schulen, berichten von verstörten, gestörten, ja, zerstörten Kinderseelen. Immer wieder werden wir aufgeschreckt durch Gewaltexzesse in U-Bahnhöfen, jugendliche Amokläufer oder durch exzessiven Alkoholkonsum schon bei Kindern. Ob man da vielleicht einen Zusam-menhangvermuten darf?  Nun, da laden wir doch am Besten mal eine hochkarätige Expertenrunde zur Talkshow ein, in der wir das Problem mit all seinen Facetten und von allen Seiten gründlich beleuchten.

Und so wird die heilige Monstranz der Beliebigkeit weiter unbeirrt hoch gehalten, wir verweigern unseren Kindern die Orientierung, die sie brauchen und überlassen sie schutzlos den Einflüssen und Einflüsterungen des Internet. Und nicht zuletzt opfern wir jeden gesellschaftlichen Konsens auf dem Altar der Meinungsvielfalt. Alles ist gleich gültig und darum ist vielen schon lange alles gleichgültig.
Wir nehmen nur noch zur Kenntnis, nicht mehr zu Herzen. Wir ersticken in einer unübersehbaren Fülle von Meinungen und Informationen. Wir wissen alles, aber können nichts mehr beurteilen.

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.  

Keine Sorge, liebe Gemeinde! Auch wenn das bisher Gehörte für Sie vielleicht nicht nach Predigt geklungen hat, ich war dennoch die ganze Zeit nah bei der Sache. Gottes Wort – ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Das ist genau das, was nötig ist. Ein Koordinatensystem, das Orientierung erlaubt und eine feine Scheidung der Geister ermöglicht. All unser Tun und Lassen erfährt im Lichte des Wortes Gottes gewissermaßen einen Lackmus-Test. Hier wird geprüft und beurteilt. Und nur das Gute sollen wir behalten.

Wer das Treiben dieser Welt einer solchen Prüfung  unterzieht, der kann sehr wohl beurteilen, was gut und nützlich ist und was schädlich und unnütz, für den ist nicht alles gleich gültig und deshalb auch nichts gleichgültig.  Der ist in der Lage, Grenzen zu formulieren und zu begründen, warum er sie zieht, der nimmt einen Standpunkt ein, mit dem andere sich auseinandersetzen müssen.
Das trägt einem gewiss nicht uneingeschränkte Sympathien ein, wie unsere Bischöfin anlässlich der Afghanistan-Passage ihrer Neujahrspredigt erfahren musste, aber es setzt ein Zeichen gegen die Beliebigkeit der Meinungen und Standpunkte, es zwingt andere, ihre Position zu begründen und Stellung zu beziehen.


Vor einem Missverständnis möchte ich allerdings warnen, einem Missverständnis, das sich immer wieder in fundamentalistischen Kreisen beobachten lässt. Dort meint man dann plötzlich, das Wort Gottes stünde uns als scharfe Waffe zur Verfügung, die wir nur aufzuheben brauchen, um damit anderen vor der Nase herumzufuchteln. In jeder Lebenslage das passende Bibel- oder Koranzitat. Mal, um andere zu maßregeln, mal, um das eigene Handeln ins rechte Licht zu rücken. Wenn Gottes Wort zu einem scharfen Schwert wird, dann gewiss nicht in und durch unsere Hand, sondern nur da, wo er es führt. Das Wort Gottes ist ein lebendiges Wort. Es kann uns ansprechen, wenn wir in der heiligen Schrift lesen, wenn wir eine Predigt hören, wenn wir mit anderen über ein Schriftwort im Gespräch sind. Bibelverse sind keine magischen Zaubersprüche und sie sind auch nicht dazu geeignet, um sie anderen um die Ohren zu hauen, sie können aber lebendig werden, wenn Gott uns in ihnen begegnet. Da – und nur da – werden sie dann zum scharfen Schwert, zum Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
 




Eines sollte dabei nicht unerwähnt bleiben: Es hilft doch ziemlich, wenn man sich dazu diesem Wort gelegentlich auch aussetzt. Wer die Bibel nicht zur Hand nimmt, dem Gottesdienst fernbleibt und sich nicht mit anderen Menschen auf ein Gespräch über den Glauben einlässt, der macht es dem Wort Gottes schon ziemlich schwer, für ihn lebendig zu werden. Insofern sitzt mit Ihnen mal wieder die falsche Klientel vor mir

Aber Sie gehen am Ende dieses Gottesdienstes ja auch wieder nach hause, in ihre Wohnungen, in ihre Familien, zu ihren Freunden und Nachbarn. Nirgendwo steht geschrieben, dass nur am Sonntag und nur vom Pastor über Gottes Wort gesprochen werden darf. Hier sind wir noch viel zu oft viel zu ängstlich und zurückhaltend. Viel zu selten nehmen wir die Gelegenheit wahr, in unserem Alltag, mit Bekannten, Nachbarn und Freunden das Gespräch über unseren Glauben zu führen.
   
Hier könnten wir viel von den Muslimen lernen. Ganz selbstverständlich, ja mitunter sogar ein wenig penetrant reden sie über ihren Glauben. Den sich (auch in unserem Land) anbahnenden Wettstreit der Religionen werden wir als Christen jedenfalls nicht dadurch bestehen, dass wir versuchen, den Islam mundtot zu machen – das wird uns nicht gelingen – sondern nur dadurch das unsere toten Münder wieder lernen, mit anderen über unseren christlichen Glauben zu sprechen.
Bange muss uns dabei nicht sein, denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig.

Darauf können wir uns verlassen.

Amen

GaGa

Wer dennoch versucht, Grenzen zu formulieren,  wird sofort beschuldigt, andere bevormunden zu wollen, seine Meinung anderen diktieren zu wollen Stattdessen leben wir nun unter dem Diktat der Beliebigkeit. Alles hat sein Recht, alles bekommt seinen Sendeplatz oder nimmt sich seinen Raum im Internet. Keine Auffassung ist zu abstrus, keine Meinung zu abgedreht, keine Perversion zu widerlich, keine Gewalttätigkeit zu grausam, als dass sie nicht ihren Raum in den Medien finden könnte – allzu oft frei zugänglich auch für unsere Kinder.

Gutachten und Expertisen kommen zu vollkommen gegensätzlichen Ergebnissen, je nachdem, wer sie in Auftrag gegeben hat und entsprechend dafür bezahlt. Niemand wagt, heute noch Grenzen abzustecken – etwa die Grenze zwischen dem Recht auf  Information und reiner Sensationslust?