Häuptling Seattle

Erntedank feiern am Ende einer Woche, die uns fast an den Abgrund einer weltweiten Wirt-schaftskrise bisher unbekannten Ausmaßes geführt hat, das ist schon ein zweischneidiges Unternehmen. Einer Wirtschaftskrise, die von einer Banken- und Finanzkrise ausgelöst wurde, die ihren Ursprung in den USA genommen hat aufgrund unseriöser Finanzpraktiken einiger Banker und verantwortungsloser Verkaufspraktiken von
Immobilien-Gesellschaften.

Der Trieb zu verkaufen und zu kaufen in der Erwartung immer
höherer Gewinne hat offensichtlich wichtige ethische Grenzlinien überschritten und verletzt und bestimme Grundsätze ehrbarer Kaufleute zerstört. Ganz zu schweigen von grundlegenden religiösen Überzeugungen, dass Geld und Reichtum niemals letztendliche Werte, sondern immer nur verantwortlich zu gebrauchende Mittel sind zur Verwirklichung des Privat- wie des Gemeinwohls.

Wie ein prophetischer Aufschrei klingt da, und so brennend aktuell wie damals, die berühmte
Rede des Indianer Häuptlings SEATTLE im Jahre 1855 auf das Angebot des 14. Präsidenten der USA Franklin Pierce in Washington, der den Indianern ihren Grund und
Boden abkaufen und diese selbst in ein Reservat verbannen wollte.

Die Rede des Häuptlings Seattle


Der große Häuptling in Washington sendet Nachricht,
dass er unser Land zu kaufen wünscht.


Der große Häuptling sendet uns auch Worte der Freundschaft und des guten Willens.
Das ist freundlich von ihm, denn wir wissen, er bedarf unserer Freundschaft nicht.
Aber wir werden sein Angebot bedenken, denn wir wissen – wenn wir nicht verkaufen 
kommt vielleicht der weiße Mann mit Gewehren und nimmt sich unser Land.

Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen – oder die Wärme der Erde? Diese
Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht
besitzen – wie könnt Ihr sie von uns kaufen? Wir werden unsere Entscheidung treffen.
Was Häuptling Seattle sagt, darauf kann sich der große Häuptling in Washington verlassen,
so sicher wie sich unser weißer Bruder auf die Wiederkehr der Jahreszeiten verlassen kann.

Meine Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter. Jeder Teil dieser Erde ist meinem
Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen
Wäldern, jede Lichtung… Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten
Mannes.

Die Toten der Weißen vergessen das Land ihrer Geburt, wenn sie fortgehen, um unter den
Sternen zu wandeln. Unsere Toten vergessen diese wunderbare Erde nie, denn sie ist des
roten Mannes Mutter. Wir sind ein Teil diese Erde, und sie ist ein Teil von uns…..
Die felsigen Höhen, die saftigen Wiesen, die Körperwärme der Ponys – und des Menschen
sie alle gehören zur gleichen Familie.

Wenn also der große Häuptling in Washington uns Nachricht sendet, dass er unser Land zu
kaufen gedenkt – so verlangt er viel von uns. Der große Häuptling teilt uns mit, dass er uns
einen Platz gibt, wo wir angenehm und für uns leben können. Er wird unser Vater sein und
wir werden seine Kinder sein. Aber kann das jemals sein? Gott liebt Euer Volk und hat seine
roten Kinder verlassen. Er schickt Maschinen, um dem weißen Mann bei seiner Arbeit zu
helfen, und baut große Dörfer für ihn. Er macht Euer Volk stärker, Tag für Tag. Bald werdet
Ihr das Land überfluten wie Flüsse, die die Schluchten hinabstürzen nach einem
unerwarteten Regen.
Mein Volk ist wie eine ablaufende Flut – aber ohne Wiederkehr. Nein, wir sind verschiedene
Rassen. Unsere Kinder spielen nicht zusammen, und unsere Alten erzählen nicht die
gleichen Geschichten. Gott ist Euch gut gesinnt, und wir sind Waisen. Wir werden Euer
Angebot, unser Land zu kaufen, bedenken. Das wird nicht leicht sein, denn dieses Land ist
uns heilig….
Glänzendes Wasser, das sich in Bächen und Flüssen bewegt, ist nicht nur Wasser –
sondern das Blut unserer Vorfahren. Wenn wir Euch das Land verkaufen, müsst ihr wissen,
dass es heilig ist, und Eure Kinder lehren, dass es heilig ist und dass jede flüchtige
Spiegelung im klaren Wasser der Seen von Ereignissen und Überlieferungen aus dem
Leben meines Volkes erzählt……

Wenn wir unser Land verkaufen, so müsst ihr Euch daran erinnern und Eure Kinder lehren:
Die Flüsse sind unsere Brüder – und Eure --, und Ihr müsst von nun an den Flüssen Eure
Güte geben, so wie jedem anderen Bruder auch. Der rote Mann zog sich immer zurück vor
dem eindringenden weißen Mann – so wie der Frühnebel in den Bergen vor der
Morgensonne weicht. Aber die Asche unserer Väter ist uns heilig, ihre Gräber aber sind
geweihter Boden, und so sind diese Hügel, diese Bäume, dieser Teil dieser Erde uns
geweiht. Wir wissen, dass der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist
ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und der nimmt
von der Erde, was immer er braucht.

Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter.
Er lässt die Gräber seiner Väter zurück – und kümmert sich nicht.
Er stiehlt die Erde von seinen Kindern – und kümmert sich nicht……
Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen
und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen. Sein Hunger wird die Erde
verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste.

Ich weiß nicht – unsere Art ist anders als die Eure. Der Anblick Eurer Städte schmerzt die
Augen des roten Mannes. Vielleicht, weil der rote Mann ein Wilder ist und nicht versteht. Es
gibt keine Stille in den Städten der Weißen. Keinen Ort, um das Entfalten der Blätter im
Frühling zu hören oder das Summen der Insekten. Aber vielleicht nur deshalb, weil ich ein
Wilder bin und nicht verstehe…….

....Der Indianer mag das sanfte Geräusch des Windes, der über eine Teichfläche streicht
und den Geruch des Windes, gereinigt vom Mittagsregen oder schwer vom Duft der Kiefern.
Die Luft ist kostbar für den roten Mann – denn alle Dinge
teilen denselben Atem – das Tier, der Baum, der Mensch – sie alle teilen denselben Atem.

Der weiße Mann scheint die Luft, die er atmet, nicht zu bemerken; wie ein Mann, der seit
vielen Tagen stirbt, ist er abgestumpft gegen den Gestank. Aber wenn wir Euch unser Land
verkaufen, dürft Ihr nicht vergessen, dass die Luft uns kostbar ist……

Das Ansinnen, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken, und wenn wir uns entschließen
anzunehmen, so nur unter einer Bedingung. Der weiße Mann muss die Tiere des Landes
behandeln wie seine Brüder. Ich bin ein Wilder und verstehe es nicht anders. Ich habe
tausend verrottende Büffel gesehen, vom weißen Mann zurückgelassen – erschossen aus
einem vorüber fahrenden Zug.

Ich bin ein Wilder und kann nicht verstehen, wie das qualmende Eisenpferd wichtiger sein
soll als der Büffel, den wir nur töten, um am Leben zu bleiben…….
Was immer den Tieren geschieht – geschieht bald auch den Menschen.

Alle Dinge sind miteinander verbunden.

Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde…… Wenn Menschen auf die Erde
spucken, bespeien sie sich selbst. Denn das wissen wir, die Erde gehört nicht den
Menschen, der Mensch gehört zur Erde – das wissen wir. Alles ist miteinander verbunden,
wie das Blut, das eine Familie vereint…..

Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser.
Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an…..
Das Ansinnen des weißen Mannes, unser Land zu kaufen, werden wir bedenken. Aber mein
Volk fragt, was denn der weiße Man will? Wie kann man den Himmel oder die Wärme der
Erde kaufen – oder die Schnelligkeit der Antilope? Wie können wir Euch diese Dinge
verkaufen – und wie könnt Ihr sie kaufen? Könnt Ihr denn mit der Erde tun, was Ihr wollt –
nur weil der rote Mann ein Stück Papier unterzeichnet – und es dem weißen Manne gibt?
Wenn wir nicht die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers besitzen – wie könnt Ihr
sie von uns kaufen?.....

Wir werden Euer Angebot bedenken. Wir wissen, wenn wir nicht verkaufen, kommt
wahrscheinlich der weiße Mann mit Waffen und nimmt sich unser Land. Aber wir sind Wilde.
Der weiße Mann, vorübergehend im Besitz der Macht, glaubt, er sei schon Gott – dem die
Erde gehört. Wie kann ein Mensch seine Mutter besitzen?.......

Es ist unwichtig, wo wir den Rest unserer Tage verbringen. Es sind nicht mehr viele. Noch
wenige Stunden, ein paar Winter – und kein Kind der großen Stämme, die einst in diesem
Lande lebten oder jetzt in kleinen Gruppen durch die Wälder streifen, wird mehr übrig sein,
um an den Gräbern eines Volkes zu trauern – das einst so stark und voller Hoffnung war wie
das Eure……..

Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt – unser Gott ist
derselbe Gott. Ihr denkt vielleicht, dass Ihr ihn besitzt – so wie Ihr unser Land zu besitzen
trachtet – aber das könnt Ihr nicht. Er ist der Gott der Menschen – gleichermaßen der Roten
und der Weißen. Dieses Land ist ihm wertvoll – und die Erde verletzten heißt ihren Schöpfer
verachten………

Wenn wir Euch unser Land verkaufen, liebt es, so wie wir es liebten, kümmert Euch, so wie
wir uns kümmerten, behaltet die Erinnerung an das Land, so wie es ist, wenn Ihr es nehmt.
Und mit all Eurer Stärke, Eurem Geist, Eurem Herzen, behaltet es für Eure Kinder und liebt
es – so wie Gott uns alle liebt.

Denn eines wissen wir – unser Gott ist derselbe Gott. Diese Erde ist ihm heilig. Selbst der
weiße Mann kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch –
Schwestern und Brüder.

Wir werden sehen.

 

Quelle: Wikipedia